Globale Armutsbekämpfung – ein Trojanisches Pferd?

Auswege aus der Armutsspirale oder westliche Kriegsstrategien?

Sonntag, 6. Juli – Freitag, 11. Juli 2008,
25. Internationale Sommerakademie Österreichisches Studienzentrum
für Frieden und Konfliktlösung (ÖSFK), Burg Schlaining

Die Vereinten Nationen und ihre 192 Mitgliedstaaten haben sich in ihren Millenniumszielen darauf geeinigt, den Anteil der hungernden Menschen und jener, die von weniger als einem US $ täglich leben müssen, bis ins Jahr 2015 auf die Hälfte zu reduzieren. Über 50 % der Menschheit lebt heute von weniger als 2 US $ pro Tag. Die Zwischenbilanzen zeigen, dass dies in weiten Teilen der Welt nicht erfüllt werden kann. Auch die ökonomischen Grenzen, unter denen ein Mensch als „absolut arm“ gilt, sind in Diskussion geraten.

Der US-Ökonom Jeffrey Sachs hat errechnet, dass der Welthunger mit dem dreifachen Jahresbonus der Wall-Street-Banker auf 10 Jahre nachhaltig beseitigt werden könnte.
Schnee von gestern sind die Zeiten, in denen U2-Frontman Bono, Bob Geldof oder ein breites Netzwerk von Nichtregierungsorganisationen die Rolle als Ankläger von Politik und Wirtschaft in der Öffentlichkeit als Alleinanspruch innehatten. „Der Krieg gegen den Terror ist mit dem Krieg gegen die Armut verbunden“, tönte auch General Colin Powell, ehemaliger US-Außenminister und seinerzeitige „Taube“ in der Administration von George W. Bush. Zweifellos führt Krieg für viele Menschen zu
Armut.
Wann, wo und warum führt Armut zu Krieg? Die unterschiedlichen Formen und Ausprägungen des „Krieges“ stellen sowohl Militärs wie auch die Friedens-, Konflikt- und Entwicklungsforschung vor enorme Herausforderungen.
Im Engagement gegen Armut setzt die westliche Staatengemeinschaft auf „die Integration aller Länder
in die Weltwirtschaft“ (EU-Reformvertrag). Sowohl EU als auch USA erkennen in den
Finanzinstitutionen nicht zu hinterfragende Schlüsselinstitutionen der globalen Entwicklung. Der
einflussreiche US-Stratege Thomas Barnett hat dargelegt: „Verliert ein Land gegen die Globalisierung
oder weist es viele Globalisierungsschritte zurück, besteht eine ungleich größere Chance, dass die
Vereinigten Staaten irgendwann Truppen dorthin entsenden werden.“ Jean Ziegler, UNSonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, ortet im gegenwärtigen neoliberalen
Weltwirtschaftssystem das Epizentrum dieses Problems: „Im Imperium der Schande, das vom
organisierten Mangel regiert wird, ist der Krieg nicht mehr eine zeitweilige Erscheinung, sondern
permanent.“
Die EU-Sicherheitsstrategie formuliert als Einbahnstraße, dass Sicherheit eine Vorbedingung für
Entwicklung ist. Die politische Wegstrecke von EU-Soldaten im Kongo, Sudan, Tschad oder am Horn
von Afrika im Sinne der „humanitären Hilfe“, der „Stabilisierung“ oder des US-amerikanisch geprägten
Krieges gegen Terrorismus zur militärischen Wahrnehmung von Rohstoffinteressen oder
neokolonialen Begehrlichkeiten ist mittlerweile sehr kurz geworden. Afrika wird zum Testgelände für
EU-„battle groups“ und militärisch geprägten Auslandseinsätzen. Der Weg zur Halbierung der Armut
gemäß den UN-Zielen scheint den „Umweg“ der Schaffung von Sicherheitsapparaten und Staatlichkeit
zu nehmen, manchmal auch aus den Mitteln des Entwicklungsfonds. Die Grenzen zwischen „Nation
Building“ und Imperialstrategien können leicht durchlässig werden. Eine „Versicherheitlichung“ der
Entwicklungspolitik unter dem Leitbild westlicher Demokratie scheint ein zentrales Modell im Umgang
mit gescheiterten oder zum Scheitern gebrachten Staaten zu sein. Dies mag so manchen Georg
Büchners politische Flugschrift umdeuten lassen: „Krieg den Hütten, Friede den Palästen“.
Die EU zählt in der Entwicklungszusammenarbeit als größter „global payer“ und die Bemühungen
werden von einem sehr niedrigen Niveau – weit unter den vereinbarten 0,7 % des BSP – intensiviert,
ohne jedoch die Wirtschaftsbeziehungen in Grundsätzen in Frage zu stellen. Im Zuge der
Herausbildung eines „global player“ EU werden nicht nur Auslandseinsätze zur
Interessendurchsetzung, sondern auch die Rüstungsagentur Teil der Union, die für die Weiterführung
des Trends sorgt, dass die EU-Staaten seit 2005 mehr konventionelle Waffen verkauft haben als
Russland oder die USA.

Zahlreiche alternative internationale, staatliche und nichtstaatliche Ansätze zur Armutsreduktion liegen vor. Sie schließen Aspekte wie Geschlechtergerechtigkeit, Ökologie, Menschenrechte, Verteilungsgerechtigkeit, Migration oder neue Formen politischer Beteiligung und Streitbeilegung sowie deren Erprobung in die Debatte ein. Wie und wo mit dem gegenwärtigen neoliberalen Wirtschaftssystem zu brechen ist, ist Gegenstand dieser Diskussion – Zur Politik der Armutsbekämpfung gibt es allerdings keine Alternative.

Sonntag, 6. Juli 2008
15.00 Uhr Anreise und Anmeldung
18.00 Uhr Begrüßung Thomas Roithner (ÖSFK Wien)

  • Gerald Mader (Präsident des ÖSFK)
  • Eröffnung Verena Dunst (Landesrätin, Burgenland)
  • Festvortrag Wege aus der Armut
  • Entwicklungsgeschichtliche und aktuelle Lehren – Dieter Senghaas (Friedens- und Entwicklungsforscher, Universität Bremen)
  • Empfang durch die Burgenländische Landesregierung (Rittersaal)

Montag, 7. Juli 2008
9.30 – 12.30 Uhr Armut Macht Krieg
Globale Armutsbekämpfung in des Kaisers neuen Kleidern

  • Parameter von Kriegen im 21. Jahrhundert oder die Unübersichtlichkeit sozialer Ordnungen unter Bedingungen von Schattenglobalisierung und neoliberalem Chaos Peter Lock (EART Hamburg)
  • Armut schafft Kriege – nicht immer, aber fast überall
    Zum Zusammenhang zwischen Mangel und (bewaffneten) Konflikten – Andreas Zumach (Journalist, Genf)
    Moderation: Johannes Marlovits (Journalist, ORF)

14.30 Uhr Vorstellung der Workshops
15.00 – 18.00 Uhr Workshops
20.00 Uhr Vortrag und Diskussion:

  • Die Kriege der Armen mit den Waffen der Reichen
    Regionale Konflikte und ihre globalen Ursachen
    Elmar Altvater (Freie Universität Berlin)
    Moderation: Cornelia Krebs (Journalistin, ORF)

Dienstag, 8. Juli 2008
9.30 – 12.30 Uhr Armut und reiche Kriegskasse
Das Armutszeugnis der globalen Ökonomie

  • Finanzmärkte, Aggressivität und Armut – Jörg Huffschmid (Universität Bremen)
  • Armut, Ressourcen und Konfliktdynamik
  • Claudia Haydt (Soziologin und Religionswissenschafterin, Tübingen)
    Moderation: Ursula E. Gamauf (ÖSFK)

15.00 – 18.00 Uhr Workshops
20.00 Uhr Globale Armutsbekämpfung – ein Trojanisches Pferd?

  • Ein Gespräch über Alternativen und Ansätze aktiver Friedenspolitik
    Wolfgang Machreich (Journalist, Die Furche) im Gespräch mit
    Josef Hader (Kabarettist und Schauspieler)

Mittwoch, 9. Juli 2008
9.30 – 12.30 Uhr Gescheiterte oder zum Scheitern gebrachte Staaten?
Ansätze, Irrwege und Auswege von Staatlichkeit

  • Nation-Building als Strategie der Konfliktbearbeitung Claudia Derichs (Universität Hildesheim
  • Failing States in Afrika: interne und externe Ursachen für Staatsversagen und Perspektiven für dessen Überwindung Rainer Tetzlaff (Universität Hamburg)
    Moderation: Annette Scheiner (Journalistin, ORF)

15.00 – 18.00 Uhr Workshops
20.00 Uhr Podiumsdiskussion: Die EU im Dienste der Armutsbekämpfung:
Zwischen größter Entwicklungshelferin und Rüstungsexportweltmeisterin
• Carola Bielfeldt (Universität Innsbruck)
• Peter Hazdra (Landesverteidigungsakademie Wien)
• Franz Küberl (Caritas Österreich)
• Astrid Wein (Care Österreich)
Moderation: Alexandra Elbling (EPU)

Donnerstag, 10. Juli 2008
9.30 – 12.30 Uhr Unbekömmliche Gerichte vom globalen Konfliktherd? Beispiele vom Horn von Afrika und dem Mittleren und Nahen Osten

  • Das Horn von Afrika: Gewaltkonflikte, Anti-Terror-Krieg und Friedensperspektiven in einer chronischen Krisenregion Volker Matthies (Universität Hamburg)
  • Der Teufelskreis von Krieg, Armut, Unterentwicklung und Diktatur – Beispiel Mittlerer und Naher Osten – Mohssen Massarrat (Universität Osnabrück)
    Moderation: Gudrun Harrer (Journalistin, Der Standard)

15.00 – 18.00 Uhr Workshops
19.00 Uhr Vorstellung des Friedenszentrums Burg Schlaining
ab 20.00 Uhr Großes Burgfest im Hof der Burg Schlaining mit Vusa Mkhaya – „The Spirit Of Ubuntu” (Zimbabwe)

Freitag, 11. Juli 2008
9.00 – 9.45 Uhr Friedensgottesdienst in der Burgkapelle Thomas Hennefeld (Evangelisch-reformierte Kirche)
10.00 – 13.00 Uhr Wege aus Armut und Krieg – Was kann die Zivilgesellschaft und die Staatenwelt tun

  • Herrschaft und Befreiung – Global Governance als Diskurs und Praxis neoliberal-imperialer Ordnung – Ulrich Brand (Universität Wien)
  • Rhetorik und Praxis von Global Governance angesichts der globalen Herausforderungen von Armut und Unfrieden – Franz Nuscheler (Universität Duisburg-Essen)
    Moderation: Christa Hager (Journalistin, derStandard.at)

13.00 Uhr Abreise der TeilnehmerInnen

Auskünfte zur allgemeinen Teilnahme an der Sommerakademie, Programm, Anmeldung, Teilnahmegebühren, Unterkunft und Sonstiges, siehe: http://www.aspr.ac.at/sak.htm

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Veranstaltung und verschlagwortet mit von Werner Drizhal. Permanenter Link zum Eintrag.

Über Werner Drizhal

Den Lehrberuf „Elektromechaniker für Starkstrom“ in der AMAG-Ranshofen erlernt. Als Jugendvertrauensratsvorsitzenden zum ÖGB-Oberösterreich als Jugendsekretär gewechselt. Nach Absolvierung der Sozialakademie als ÖGB-Bezirkssekretär für Linz-Land gearbeitet. 1996 bis 1999 Mitglied eines OE-Teams der ÖGB-Zentrale, wo ich mich mit Organisationsentwicklung der ÖGB-Bezirkssekretariate und Mitwirkungsfragen von FunktionärInnen in der Gremienarbeit beschäftigte.
1999 in die ÖGB-Zentrale als Personalentwickler gewechselt. Hauptverantwortlich für die Einführung von MitarbeiterInnengesprächen im ÖGB. Umsetzung von professionellen Personalinstrumenten in der ÖGB-Zentrale. Ausbildung in systemischen Coaching und Erlebnispädagogik absolviert.
2007 Wechsel in die Bildungsabteilung der GPA-djp. Zur Zeit Leiter des Geschäftsbereichs Bildung – Gewerkschafts- und Personalentwicklung in der GPA-djp.

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