Bildungspolitik: OECD empfiehlt Neue Mittelschule für alle!

Zwei wesentliche Aspekte zeichnen das österreichische Bildungssystem aus:

1. Es beinhaltet ein differenziertes Schulsystem, in dem nach Kindergarten und den ersten vier Jahren in der Volksschule eine Entscheidung über den weiteren Bildungsweg getroffen wird. Hier wird – in der Regel maßgeblich durch die Eltern und LerherInnen – entschieden, ob Kinder entweder in einer Neuen Mittelschule (bis vor Kurzem Hauptschule) oder im Gymnasium weiter den Schulunterricht besuchen.

2. Das österreichische Bildungssystem wirkt durch diese Trennung hochgradig selektiv. Die Entscheidung zwischen bisheriger Hauptschule und Gymnasium hat maßgeblichen Einfluss darauf, welche Bildungsniveaus Kinder später erreichen und damit auch darauf, welche Lebenschancen und Berufsmöglichkeiten sie später haben. Grundsätzlich gilt: je höher der Bildungsabschluss, desto bessere Aussichten und Chancen. Außerdem gilt: wer in ein Gymnasium geht, erlangt eher einen höheren Bildungsabschluss (und hat damit bessere Aussichten).

Diese Zusammenhänge mögen in der Beobachtung der eigenen Kinder durch die Eltern oder des Schulalltags durch die LehrerInnen nicht immer offensichtlich sein, sind aber statistisch in vielen bildungssoziologischen Studien seit spätestens den 1960er Jahren immer wieder herausgearbeitet worden – beispielhaft könnte man sagen: „von Bourdieu bis PISA“ (es ließen sich aber auch andere Namen einsetzen).

Wer will, kann sich damit abfinden und sich auf den Standpunkt zurückziehen, dass Kinder eben unterschiedliche Talente, Begabungen und Fähigkeiten haben und daher später auch unterschiedliche Chancen haben sollen. Wer das tut, sollte sich ehrlicherweise auch gleich offen für Diskriminierung, eine „Zwei-Klassen-Gesellschaft“ und die gewollte Benachteiligung bestimmter Bevölkerungsgruppen aussprechen. Denn nichts anderes stellt die bisherige Beschaffenheit des österreichischen Schulsystems bisher dar bzw. her. Es gibt nämlich keinen Standpunkt, auf den man sich sonst zurückziehen könnte, etwa, dass es auf die Leistungen der Kinder und ihre Bemühungen ankäme, im Sinne eines „wer sich anstrengt, wird es schaffen und hat sich bessere Chancen verdient“.

Mittlerweile ist mehrfach belegt, dass es nicht (nur) individuelle Leistungen sind, die zu höheren Bildungsabschlüssen führen, sondern dass „Bildung vererbt“ wird, das heißt hauptsächlich familiärer Hintergrund und soziale Herkunft über Schulleistungen und Bildungswegentscheidungen entscheiden.

Aktuell werden diese Befunde erneut erbracht und die Zusammenhänge bestätigt. Die OECD, also „die sozialistischer Umtriebe unverdächtige Weltwirtschaftsorganisation“ – wie Robert Misik in einem Kompetenzartikel so schön formuliert – empfiehlt in einem neuen Bericht Österreich die Neue Mittelschule für alle. Das derzeitige Modell müsste also konsequent weitergedacht werden, was eine Abschaffung der AHS bedeuten würde. So könnten endlich entscheidende Schritte zur nachhaltigen Abschwächung der sozialer Ungleichheiten durch die frühe Trennung von SchülerInnen unternommen, soziale Benachteiligungen abgebaut und die Potenziale aller Kinder besser gefördert werden.

„Als einen Grund für die soziale Ungleichheit nennt die OECD in einem eigenen Österreich-Unterkapitel die Selektion der Schüler bereits mit zehn Jahren, was bei jenen, die in eine weniger angesehene Schulform eingeteilt werden, zu Demotivation führe. Die Einführung der Neuen Mittelschule, die die Hauptschule flächendeckend ersetzen soll, sei ‚ein erster Schritt‘ in Richtung längeren gemeinsamen Lernens. ‚Die Reformen lassen allerdings die allgemein bildende höhere Schule außen vor, was die Chancengleichheit an österreichischen Schulen weiterhin beeinträchtigt‘, so die OECD.“ (DiePresse.com, 10.02.2012)

Dementsprechend hält auch der ÖGB in seiner über weite Strecken von der GPA-djp übernommenen Stellungnahme zum Gesetzesentwurf zur Verankerung der Neuen Mittelschule im österreichischen Bildungssystem (PDF) wie folgt fest:

„Der vorliegende Entwurf, mit welchem die Neue Mittelschule ins Regelschulwesen übergeführt werden soll, stellt aus unserer Sicht einen wichtigen Schritt zur qualitativen Aufwertung eines wesentlichen Teils des österreichischen Schulwesens dar und wird daher grundsätzlich begrüßt. Die pädagogischen Ansätze der Neuen Mittelschule sowie die mit der Schulform angestrebte Ressourcenausstattung für individualisierten Schulunterricht sehen wir als wichtigen Fortschritt. Gleichzeitig halten wir aber an unserer grundlegenden Kritik am nach wie vor bestehenden und auch durch den vorliegenden Entwurf nicht beeinträchtigten differenzierten Schulsystem, in dem die SchülerInnen nach den ersten vier Schuljahren nach Schulformen getrennt werden, fest. In dieser Hinsicht entspricht der vorliegende Gesetzesentwurf nicht unserer Vorstellung einer umfassenden Reform des Schulsystems. Die Neue Mittelschule erfüllt daher nur teilweise unsere Forderung nach einer neuen und verbesserten Schule der Sekundarstufe 1, welche die Aufgabe haben sollte, allen Kindern (unabhängig von ihrer Herkunft, Geschlecht, Hautfarbe, Religion, Bildungsniveau und sozialer Schicht der Eltern) die gleichen fairen Voraussetzungen für ihren weiteren Bildungsweg zu bieten und darüber hinaus die Möglichkeiten schaffen sollte, die Bildungswegentscheidung gezielt vorzubereiten und auf einen späteren Zeitpunkt (als bereits mit 10 Jahren) zu verschieben. […] Der ÖGB befürwortet ausdrücklich die bestmögliche Ausbildung individuell für alle Kinder, die in Österreich zur Schule gehen. Eine längere Phase gemeinsamen Unterrichts für alle Kinder anstatt frühzeitiger Trennung würde die kompensatorische Wirkung der Schule erhöhen und zu einem allgemeinen Anstieg des Leistungsniveaus und damit zu mehr Chancengleichheit führen. In dieser Hinsicht stellt die Einführung der Neuen Mittelschule zwar eine begrüßenswerte Weiterentwicklung dar, mit den weiterhin nebenbei bestehenden Unterstufen der allgemein bildenden höheren Schulen wird das wesentliche Reformziel, Benachteiligungen für SchülerInnen durch die Zuteilung in differenzierte Schultypen entgegenzuwirken, aber verfehlt.“

Nur eine umfassende Reform des Schulwesens, das auch seine Einbettung in komplexe soziale Zusammenhänge und die familiären und sonstigen Umfeldfaktoren des Lernens von Kindern berücksichtigt, kann eine sinnvolle Weiterentwicklung sein. Dabei geht es vor allem um ein gravierend verändertes Verständnis der Schulen selbst. Schulen sind die gesellschaftlichen Einrichtungen, die zeitliche, räumliche und finanzielle Ressourcen zur Verfügung stellen, um pädagogisch – aber auch psychologisch und sozialarbeiterisch – abgesichert durch professionelle Begleitung der SchülerInnen deren bestmögliche Entwicklung ermöglichen. Dafür bedarf es nicht unterschiedlicher Schultypen, sondern eines Gesamtkonzeptes für Lehr- und Lernräume, in denen LehrerInnen und SchülerInnen in Gruppen aber auch individuell miteinander lernen und sich entwickeln können. Bei der Entwicklung eines solchen Verständnisses ist es auch klar, dass in der Schule die Hauptverantwortung für die Leistungen der SchülerInnen liegen und diese – den heutigen gesellschaftlichen Verhältnissen in Familien aber auch im Berufsleben entsprechend – nicht in die Familien und auf die Eltern zurückverlagert wird.

„Ein Bildungssystem, das sich bestmögliche Bildung für die gesamte Bevölkerung und die individuelle Förderung von Fähigkeiten zum Ziel setzt, darf sich nicht auf die Unterstützungsleistungen der Eltern, ihre finanziellen Möglichkeiten und ihre Ansichten über den Wert von Bildung verlassen.“ (Kompetenz 02/2011)

Dass das nicht bedeutet, Eltern könnten oder sollten sich nicht in Sachen Schule und Bildung ihrer Kinder engagieren wäre eine polemische Missinterpretation dieses Verständnisses der Funktion von Schule. Und selbstverständlich ist damit auch nicht gemeint, dass LehrerInnen in einer Person als eine Art MultifunktionärInnen die Rollen der InhaltsvermittlerInnen (klassische Rolle), teilweise vielleicht der Eltern, eines Psychologen und die des Betreuuers und der Sozialarbeiterin übernehmen sollen. Die Schulen werden in Zukunft mehr Professionen unter einem Dach vereinen müssen. Aber auch das bedeutet, bisherige Muster und professionelle Vorherrschaften aufbrechen. Dabei geht es letztlich auch darum, und das ist nicht weniger entscheidend als alle anderen angeführten Aspekte, dass gute Arbeitsbedingungen an den Schulen geschaffen werden, und zwar bei entsprechend guter Entlohnung, die der wichtigen gesellschaftlichen Rolle der dieser Professionen im so wichtigen Bildungsbereich gerecht wird. Dazu abschließend die Forderungen der GPA-djp im Wortlaut:

  • Flächendeckende Einführung einer gemeinsamen schulischen Grundausbildung in den ersten neun Jahren für alle SchülerInnen mit individuellem Unterricht und Fördermaßnahmen.
  • Ausbau qualitativ hochwertiger Ganztagsschulen, wo Lernen, Freizeit und Üben in Form von Lernhilfe und Förderangeboten über den ganzen Tag verteilt stattfinden.
  • Infrastrukturelle Maßnahmen zur Schaffung zeitgemäß gestalteter Schulen, in denen ganztägig gelernt (Lernraum für SchülerInnen) und gearbeitet (Arbeitsplatz inkl. Büros für pädagogisches und anderweitig betreuendes Personal) werden kann, mit Möglichkeiten für ausgewogenes Mittagessen sowie Kreativ- und Bewegungs- bzw. Sportraum.
  • Ausbau der Schulsozialarbeit sowie des schulpsychologischen Dienstes insbesondere im Pflichtschulbereich, je nach Bedarf aber auch darüber hinaus.

(GPA-djp Bundesforum 2010 – Beschlossener Leitantrag Bildung, Seite 135 [PDF].)

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