Weniger arbeiten – mehr leben. Sag’s mit Musik!

Arbeit oder Leben? Belastungsfaktor Arbeit

Arbeitsverdichtung und -druck nehmen zu, Arbeits- und Freizeit verschwimmen, während die einen von ihrer Arbeit kaum leben können („working poor“), die anderen unzufrieden mit ihrer Arbeit sind, sind Dritte verzweifelt auf der Suche nach Arbeit, was angesichts der aktuellen Rekordarbeitslosigkeit eine enorme Belastung darstellt. Am Arbeitsmarkt, in der Arbeitswelt kracht es gewaltig, wirtschaftliche Krisen und betriebliche Problemstellungen unterschiedlichster Art machen ArbeitnehmerInnen vielfach zu schaffen. Dabei bestimmt die Erwerbsarbeit unser Leben in hohem Maße, sodass die Bewältigung anderer Schwierigkeiten, die das Leben so bereit hält, zur zusätzlichen übergebührlichen Belastung werden können – von gravierenden Angelegenheiten wie zu pflegenden Angehörige bis hin zu grundsätzlich banal erscheinenden Dingen wie defekten Haushaltsgeräten. Und ganz abgesehen von diesen Problemlagen, sind es doch eigentlich die Lebensfreuden, nach denen wir streben, für die aber wegen der vielen überhand nehmenden Anforderungen unserer Arbeit, oft kaum mehr Energie und/oder Zeit bleibt.

Das System ist krank!


Der Grad an Reichtum in unserer Gesellschaft ist generell betrachtet so hoch wie noch nie zuvor in der Menschheitsgeschichte, und doch leben wir in einer Art und Weise, die für die meisten überwiegend eher mit Zwang, Stress und Unsicherheit als mit Freiheit, Freizeit und Sicherheit verbunden ist. Medizinisch formuliert würde man wohl zur Diagnose gelangen, dass der gesellschaftliche Organismus nicht gesund, vielleicht sogar richtig krank ist.
Der Gesundheitszustand des Patienten „Gesellschaft“ lässt sich anhand vieler Kriterien beschreiben. Üblicherweise setzen wir dabei auf Daten und Fakten, aber auch Geschichten und Berichte. Das gilt selbstverständlich auch für die Bereiche, die üblicherweise im Zentrum der gewerkschaftlichen Beobachtung und Kritik stehen: Wirtschaft und Arbeitsmarkt, Arbeitswelt und Betriebe, die Arbeitssituation und -bedingungen der ArbeitnehmerInnen etc.

Kritik ist der Motor der Veränderung: Sag’s mit Musik!

Demgegenüber ist die Tradition der mit Musik zum Ausdruck gebrachten Probleme der Menschen weitgehend in den Hintergrund gerückt oder finden vielfach einfach weniger Beachtung. Umso eindrucksvoller ist es, wenn doch Beispiele kritischer Lieder auftauchen, die in kurzer, prägnanter, manchmal überspitzter, manchmal aber auch einfach nur gerade heraus gesagter, treffender Form die tagtäglichen Probleme und Sorgen der arbeitenden „einfachen Leute“ benennen und auf den Punkt bringen. Und auch wenn musikalische Geschmäcker verschieden sind, so sind es dann doch zumindest der Text und die Energie, die ein/e Musikerin in die Interpretation des Stücks legt, die Interesse wecken und den Funken überspringen lassen. Nicht selten stammen solche „Exemplare“ aus der Pop- und Jugendkultur, wie zum Beispiel der Song „Kraunknstaund“ von Kroko Jack – eine Abrechnung mit den beobachteten Ungerechtigkeiten in der Arbeitswelt und dem Aufruf, diese nicht widerstandslos auf sich zu nehmen. Viele der Kritikpunkte im Text stimmen in hohem Maße mit traditionellen bzw. langjährigen aber auch aktuellen gewerkschaftlichen Analysen und Positionen überein.

des gaunze system is kraung,
des gaunze system bricht zaum!

Entfremdete Arbeit unter übergebührlicher Belastung

montog in da frua,
ollemidanaund,
des gaunze laund geht in kraunknstaund!
mir spün nimma länga dein haumpömau,
suach da wen aundan auf dem wosd ummanaunda traumpön kaust!
kana mehr dapockt des,
kana mog des!
wos glaubst waun kana mehr ind hockn geht?
wos glaubst wie bled dass dostehts, waun auf amoi kana mehr ind hockn geh mog?

“Zu den belegbaren langen Arbeitszeiten kommt eine in Österreich besonders starke Ausprägung der Belastungsfaktoren Arbeitsintensität und Zeitdruck. 60 % der Beschäftigten geben an, bei ihrer Tätigkeit ein hohes Arbeitstempo einhalten zu müssen und 42 % haben nicht genügend Zeit für die Erfüllung der an sie gestellten Arbeitsaufgaben. […] Gesicherte arbeitswissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass mit der Zahl der Arbeitsstunden die körperlichen wie auch psycho-vegetativen Auswirkungen auf die Beschäftigten zunehmen. Vor allem Schlafstörungen, Rückenschmerzen und Herz-Kreislaufbeschwerden werden in Folge langer Arbeitszeiten wahrgenommen.” (GPA-djp, Kompass faire Arbeitszeiten, Seite 29.)

Ausbeutung: working poor

so vü leid wern vum hackön ned reich,
wei de koin obwois hackön ned reicht,

“Im OECD-Schnitt leben neun Prozent der Menschen in einem Haushalt, in dem mindestens eine Person arbeitet und dessen Einkommen trotzdem unter der Armutsgrenze liegt.” (OECD Statistik des Tages, 09.06.2015)

working poor

“In Österreich sind (laut EU SILC 2013) 291.000 erwerbstätige Personen (mindestens sechs Monate Voll- oder Teilzeitarbeit) im Erwerbsalter (18-64 Jahre) armutsgefährdet. Das sind acht Prozent der Erwerbstätigen.” (AK Oberösterreich, Armut in Österreich)

Ausbeutung: entfremdete Arbeit unter übergebührlicher Belastung für die Kapitalinteressen der Arbeitgeber (Ungleichheit)

aundane san obwois ned hackön reich,
mir soin hackön und hackön und se sackön ois ei!

“Die Lohnquote ist der Anteil der Einkommen der ArbeitnehmerInnen am Volkseinkommen: Wie teilt sich der Reichtum eines Landes, der in einem Jahr erzeugt wird, einerseits auf ArbeitnehmerInnen (Löhne/Gehälter) und andererseits auf Gewinne auf?” (Jörg Flecker, Zeitgemäße Arbeitszeiten? ab Min. 27:30)

Seit Anfang der 1990er Jahre sinkt die Lohnquote kontinuierlich mit nur einer Unterbrechung durch die Finanzmarktkrise 2008. War das Verhältnis von Lohn- zu Gewinnquote 1993 noch 74,5 zu 25,5 Prozent, so hat sich dieses bis 2013 auf 69,6 zu 30,4 Prozent verschlechtert. Das heißt: von der insgesamt in der Volkswirtschaft erarbeiteten Wertschöpfung bleibt den ArbeitnehmerInnen immer weniger als Lohn-/Gehalt, den Unternehmen und Shareholdern hingegen immer mehr als Gewinn.

Entwicklung Lohnquote

Diese Entwicklung resultiert schließlich auch in einer drastisch ungleichen Vermögensverteilung in Österreich:

Vermögensverteilung in Ö

Vermögen, das ein gutes Leben absichert, ist nur für jene mit sehr hohen Einkommen oder solche, die auf vermögende Eltern zählen können, drin: Studienergebnisse “zeigen eine starke Schieflage in der Verteilung: Während die unteren 95 Prozent der erwerbstätigen Haushalte kaum nennenswerte Einkünfte aus Zinsen, Dividenden oder Vermietung erzielen, steigen diese am oberen Rand der Verteilung deutlich an. Das durchschnittliche Kapitaleinkommen des obersten Prozents machte 2010 etwa 100.000 Euro aus. Damit sind 52 Prozent aller Vermögenseinkommen auf das oberste Prozent der Haushalte konzentriert.” (derStandard, Vermögen: Nur die Reichsten profitieren, 13.01.2014)

Der Arbeitgeber hält dein Einkommen an der kurzen Leine, um deine Lebenszeit für seinen Profit auszubeuten (Überstunden)

get up, stand up! und schlof aus und bleib daham!
glaub ned, dassd in da hockn heid wos vasaamst!
scheiss einfoch drauf und loss dein boss all de hockn mochn,
wei des hoda daun nämli davau!
wauna da imma wieda kummt mid de überstundn,
weil a waas, du kummst ned übad rundn!

“689.300 Personen, d.h. rund ein Fünftel (19,4 %) aller unselbständig Erwerbstätigen leisteten 2013 in ihrer Haupt- tätigkeit Überstunden (24,7 % der Männer, 13,7 % der Frauen). Dabei wurden im Durchschnitt 7,5 Überstunden bzw. Mehrstunden pro Woche und Person geleistet. Zehn oder mehr Überstunden wurden von 208.900 Personen erbracht.
Nicht alle geleisteten Überstunden werden bezahlt oder durch einen entsprechenden Zeitausgleich mit Zuschlägen abgegolten. 2013 wurden durchschnittlich 6,1 Überstunden pro Woche auch bezahlt, also um rund ein Fünftel weniger als tatsächlich geleistet. Der Anteil unbezahlt geleisteter Überstunden liegt bei Frauen deutlich höher (27 %) als bei Männern (17 %).
Seit der Krise sind die Überstunden zurückgegangen und ihr Anteil am Gesamtarbeitsvolumen hat sich bei knapp 4 % auf deutlich geringerem Niveau eingependelt. Bei den Männern werden Überstunden am meisten von den 44 – 53 jährigen geleistet, bei den Frauen bei den 25 bis 34 Jährigen. […]
2012 wurden etwa 70 Mio. Überstunden nicht bezahlt. Das war etwa 1,2 % des gesamten Arbeitsvolumens.) 2013 wurden insgesamt 207,5 Mio. Überstunden geleistet, davon 53,6 Mio. unbezahlt.” (GPA-djp, Kompass faire Arbeitszeiten, Seite 15f.)

Get up, stand up! Die Arbeitgeber haben das Kapital, wir haben den Widerstand

sog: „laungsaum, laungsaum! wer geht mid mir in kraunknstaund?“

Richtig erkannt: es gibt Möglichkeiten, sich zu wehren und den Rahmen der (entfremdeten) Erwerbsarbeit in einem ersten Schritt zumindest auch selbst zu beeinflussen. Neben einigen anderen zentralen Themen, geht es aktuell vor allem um Arbeitszeitverkürzung.

Welche Strategien angewendet werden, um gewerkschaftlichen Widerstand zu erzeugen, die Mitbestimmung von ArbeitnehmerInnen zu stärken und eigene Forderungen umzusetzen, ist nicht zuletzt davon abhängig, wie sehr man eigene Machtpotenziale organisieren kann. Eines steht jedenfalls fest: lohnabhängig Erwerbstätige sind nicht machtlos, vor allem dann nicht, wenn sie sich gewerkschaftlich organisieren:

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