Was denken die Angestellten? (1/10)

Eine Befragung von Handels- und Bankenbeschäftigten zu Arbeitsbedingungen und gesellschaftlichen Entwicklungen

Bild: GPA-djp, fotolia.com

Im Herbst 2016 haben wir in einer Lehrveranstaltungskooperation mit dem Institut für Soziologie der Universität Wien begonnen, uns mit den Veränderungen in der Arbeitswelt und den Einstellungen von Angestellten zu beschäftigen. In dem zweisemestrigen Forschungspraktikum (Wintersemester 2016/2017 – Sommersemester 2017) untersuchen die Studierenden gemeinsam mit den LehrveranstaltungsleiterInnen die aktuellen Entwicklungen in der Arbeitswelt, die Arbeitssituation bzw. die Arbeitsbedingungen von Angestellten sowie mögliche Auswirkungen auf „Weltbilder“ (gesellschaftspolitische Einstellungen, Zukunfterwartungen etc.). Da es die Möglichkeiten der Lehrveranstaltung überstiegen hätte, einen Querschnitt aller Angestellten in allen Branchen österreichweit aussagekräftig zu untersuchen, konzentrierte sich die Befragung der Angestellten auf die Branchen Handel und Banken (GPA-djp Wirtschaftsbereiche 12, 21, 22, 23).

Die Ergebnisse der Befragung wurden in einem Workshop mit Studierenden, BetriebsrätInnen und GewerkschafterInnen am 22. Juni 2017 präsentiert und diskutiert. In dieser Reihe von Blogbeiträgen, die einmal wöchentlich über den ganzen Sommer erscheinen werden, widmen wir uns in diesem ersten Teil den Hintergründen der Befragung und anschließend den unterschiedlichen Befragungsthemen in Form von Kurzfassungen der Befragungsergebnisse.

1. HINTERGRÜNDE DER BEFRAGUNG

Julia Hofmann, Thomas Kreiml, Hilde Weiss

Viel ist derzeit die Rede von den Sorgen und Ängsten der Menschen, insbesondere auch der ArbeitnehmerInnen, die PolitikerInnen verstehen und Ernst nehmen müssen. Diese Forderung ist im Grunde nicht neu, aber in der aktuellen politischen Debatte besonders brisant. Das an sich gerechtfertigte Anliegen wird jedoch häufig von rechtspopulistischer Seite genützt, um WählerInnenstimmen zu gewinnen – und das, obwohl diese, wenn sie dann an der Macht sind, häufig eine anti-soziale Politik betreiben (vgl. Talós 2006).

Bereits Anfang der 2000er Jahre gab es ein großes europäisches Forschungsprojekt, das sich der Frage widmete, woher die Sorgen und Ängste der Menschen kommen und welche Ursachen sie haben könnten. Ein besonderer Fokus lag hier vor allem auf der Frage, „ob die mit dem Erwerbsleben verbundenen Sorgen und Ängste der ArbeitnehmerInnen die politischen Erfolge der Rechtsextremen und Rechtspopulisten verständlich machen“, wie die beiden StudienautorInnen Jörg Flecker und Gudrun Hentges im Jahr 2006 u.a. in einem Artikel des GPA-djp Magazins KOMPETENZ schrieben.

Gerade in einer Zeit, die durch Wandel bzw. Umbrüche und Unsicherheiten geprägt ist (Stichworte: Krise, Digitalisierung), sind diese Fragen auch aus gewerkschaftlicher Perspektive aktueller denn je. Es geht schließlich um die soziale Situation der ArbeitnehmerInnen und die Auswirkungen dieser Veränderungen auf deren Sichtweisen, Weltbilder und Einstellungen zu verschiedenen gesellschaftlich relevanten Themen.

Deswegen haben wir im Herbst 2016 eine Lehrveranstaltungskooperation zwischen dem Institut für Soziologie der Universität Wien und der GPA-djp Bildungsabteilung gestartet, die sich mit den Veränderungen in der Arbeitswelt und den Einstellungen von Angestellten beschäftigt. In einem zweisemestrigen Forschungspraktikum (Wintersemester 2016/2017 und Sommersemester 2017) im Bachelorstudium der Soziologie untersuchten Studierenden gemeinsam mit uns die aktuellen Entwicklungen in der Arbeitswelt, die Arbeitssituation bzw. die Arbeitsbedingungen von Angestellten und mögliche Auswirkungen auf die „Weltbilder“ (gesellschaftspolitische Einstellungen, Zukunftserwartungen etc.) der ArbeitnehmerInnen.

Theoretischer Hintergrund

Die Forschung im Rahmen der Lehrveranstaltung folgt der These der Polarisierung in  der „Mitte“, die in Österreich über lange Zeit durch die Angestellten repräsentiert war. Laut neueren Befunden nehmen Angestellte einerseits mit ihren technischen und betriebswirtschaftlichen Qualifikationen Schlüsselpositionen ein, andererseits entsteht jedoch auch ein neues „Dienstleistungsproletariat“ (von der „Generation Praktikum“ bis hin zu ganz aktuellen Formen wie Crowdworkern). Während das Aufstiegsstreben der Angestellten lange Zeit als kennzeichnend für ihre Mentalität galt, ist heute von einer Zunahme an Abstiegsängsten und -wahrnehmungen auszugehen und danach zu fragen, welche Hintergründe und konkreten Ursachen hierfür gesehen werden. Wesentliche Fragen dazu sind beispielsweise:

  • Welche konkreten Verschlechterungen spielen in Hinblick auf die „Weltbilder“ eine Rolle (individuell wie kollektiv)?
  • Wie werden die Veränderungen „erklärt“ und welcher Stellenwert wird dabei nationalen und globalen Faktoren verliehen?
  • Inwiefern spiegeln sich die verschiedenen Milieus innerhalb der Angestellten auch in Unterschieden auf der Bewusstseinsebene wider?

Forschungsdesign

Von den rund 3,5 Millionen unselbstständig Beschäftigten in Österreich arbeiten rund 2 Millionen Personen als Angestellte. Da es die Möglichkeiten der Lehrveranstaltung übersteigen würde, einen Querschnitt aller Angestellten in allen Branchen österreichweit aussagekräftig zu untersuchen, konzentriert sich die Befragung der Angestellten auf die Branchen Handel und Banken (GPA-djp Wirtschaftsbereiche 12, 21, 22, 23). Im Handel arbeiten rund 540.000 Beschäftigte und in der Banken- und Versicherungsbranche rund 110.000 Beschäftigten (Sozialversicherung 2017). Die Auswahl dieser beiden Branchen wurde auf Basis verschiedenster Überlegungen getroffen. Um die Beschäftigungsstruktur und die Arbeitsbedingungen effizient zu bearbeiten, ist ein Vergleich der Handelsbranche mit der Banken-und Versicherungsbranche gut geeignet:

Im Handel arbeiten oft Frauen und MigrantInnen sowie Personen mit geringeren, formalen Qualifikationen. Des Weiteren sind die kollektivvertraglich festgesetzten Löhne tendenziell eher niedriger. Nach der Definition des französischen Soziologen Robert Castel befindet sich ein Teil der MitarbeiterInnen im Handel daher tendenziell in der „Zone der Prekarität“ (vgl. Castel 2000).

Die Banken- und Versicherungsbranche galt demgegenüber lange Zeit als eine stabile Branche mit größtenteils gut qualifizierten und besser bezahlten MitarbeiterInnen, die entweder über die Lehre oder über höhere formale Qualifikationen ihren Weg in die Branche fanden. Spätestens seit 2007 befindet sich der Bankenbereich jedoch in der Krise, was nicht nur zu großen Umstrukturierungen, sondern auch zu Filialschließungen und Kündigungen führte. Auch wenn sich das tatsächliche Ausmaß des Personalabbaus laut AMS (2016) derzeit noch in Grenzen hält, sind auch diese Beschäftigten mit einem hohen Ausmaß an sozialer Unsicherheit konfrontiert. Folgen wir Castel sind hier also Beschäftigte zu finden, die sich von der „Zone der Integration“ langsam in die „Zone der Prekarität“ bewegen könnten.

Forschungskontext

Die Forschung wurde im Rahmen eines zweisemestrigen Seminars (Wintersemester 2016 bis Sommersemester 2017) durchgeführt und von Thomas Kreiml (GPA-djp), Julia Hofmann (AK Wien/Universität Wien) und Hilde Weiss (Universität Wien) gemeinsam konzipiert; im Sommersemester 2017 wurden die Studierenden des Weiteren von Robert Strodl (Universität Wien) bei ihren Auswertungen unterstützt.

Ziel eines Forschungspraktikums ist es, dass die Studierenden ihre im Studium bislang erlernten methodischen Kenntnisse erstmals in einer eigenen Forschung anwenden. Der Anspruch der LV-LeiterInnen ging jedoch insofern über dieses Ziel hinaus, als dass die durchgeführte Forschung nicht als „reine, methodische Übung“ verstanden wurde, sondern den Anspruch verfolgte, publizierbare, gesellschaftlich relevante Forschungsergebnisse zu erzeugen. Die Studierenden sollten nicht nur die Zusammenhänge zwischen den Erfahrungen, die Angestellte an ihrem Arbeitsplatz machen und deren Einstellungen gegenüber aktuellen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen erforschen, sondern auch ihre wissenschaftlichen Ergebnisse VertreterInnen der betrieblichen Praxis und der Gewerkschaft vorstellen und mit ihnen gemeinsam diskutieren. Diese Broschüre kann also auch als ein Versuch verstanden werden, den Austausch zwischen betrieblicher Praxis, Gewerkschaften und der Wissenschaft voranzutreiben.

Feldzugang und Befragung

Der Feldzugang wurde über die GPA-djp ermöglicht. Mittels Anwendung des Schneeballverfahrens wurden im Herbst 2016 1672 BetriebsrätInnen kontaktiert (1115 im Handel und 557 im Bankensektor) und deren Interesse an einer Teilnahme der MitarbeiterInnen in ihren Betrieben abgefragt. 76 BetriebsrätInnen meldeten hierbei Interesse an (41 aus dem Bereich Handel, 35 aus den Banken). Unser Ziel war es, in jeder Branche und 200-250 Personen zu befragen.

Hinsichtlich der Art der Befragung zeigte sich, dass Beschäftigte in der Banken- und Versicherungsbranche eher mittels Online-Fragebogen erreicht werden können, während Beschäftigte im Handel in ihrer Arbeit wenig Zugang zu IT haben und daher eher den „klassischen“ paper-and-pencil-Fragebogen bevorzugen. Die Befragung wurde daher sowohl online wie über paper-and-pencil vollzogen. Anfang Februar 2017 wurde der Link zum Onlinefragebogen an die interessierten BetriebsrätInnen mit der Bitte um Weiterleitung versandt. Die angeforderten paper-and-pencil-Fragebögen wurden zur selben Zeit postalisch an die unterstützenden BetriebsrätInnen zugestellt, von diesen ausgeteilt und anschließend wieder an die GPA-djp zurückgeschickt. Die Befragung wurde Mitte März 2017 abgeschlossen. Die Ergebnisse der paper-and-pencil-Fragebögen wurden anschließend von den Studierenden in ein statistisches Datenprogramm (SPSS) eingegeben und der Onlinedatensatz wurde mit dem paper-und-pencil-Datensatz zusammengeführt.

Erhobene Daten

Insgesamt nahmen 823 Personen an der Befragung teil. Davon waren 523 in der Banken- und Versicherungsbranche und 285 im Handel beschäftigt.[1] Wie vermutet nahmen die Beschäftigten in der Banken- und Versicherungsbranche eher online an der Befragung teil, während die Beschäftigten im Handel eher die paper-and-pencil-Fragebögen ausfüllten. Da der Zugang zu Online-Befragungen „niederschwelliger“ ist, kam es hierdurch zu einer Schieflage in der Verteilung nach Branchen. Da allerdings das ursprünglich Ziel von rund 200-250 Befragten in jeder der beiden Branchen erreicht wurde, wurde diese Schieflage als wenig problematisch eingeschätzt. Des Weiteren erhebt eine Erhebung mittels Schneeballsystem, die im Rahmen eines Seminars an der Universität durchgeführt wird, auch keinen Anspruch auf Repräsentativität, sondern soll einen ersten Einblick in das beforschte Feld bieten. Die Auswertungen wurden stets auch nach Branchen getrennt durchgeführt.

Die Geschlechterverteilung ist in beiden Branchen in etwa ausgewogen. In Bezug auf das Alter der Befragten beteiligten sich im Handel tendenziell jüngere Personen als im Bankenbereich. Bei dem Bildungsniveau zeigen sich erheblich Unterschiede nach Branchen: Während im Handel ca. 70% der Befragten über maximal einen Lehrabschluss verfügen, haben im Bankenbereich über 60% eine Matura und 27% ein Studium abgeschlossen. Die meisten Befragten in beiden Branchen sind österreichische StaatsbürgerInnen und leben in Wien.

Tabelle 1: Soziodemografische Daten

Was die Arbeitsverhältnisse betrifft, so lässt sich sagen, dass die Befragten eher aus größeren Betrieben kommen – dies trifft insbesondere auf den Bankenbereich zu. Im Handel arbeiten viele der Befragten als einfache oder mittlere Angestellte; im Bankenbereich haben wir überwiegend mittlere Angestellte befragt. In beiden Branchen ist die Mehrheit schon länger als 5 Jahre beim Unternehmen beschäftigt. Nur unter 4% sind, dazu passend, befristet beschäftigt. Rund ein Viertel verfügt jedoch bereits über einen All-In-Vertrag und über 50% sind Gewerkschaftsmitglieder.

Tabelle 2: Arbeitsverhältnisse

In den folgenden Beiträgen werden die zentralen Ergebnisse der Forschungen von neun Studierendengruppen vorgestellt. Jede Studierendengruppe hat sich mit einem der folgenden Themenfelder der Befragung auseinandergesetzt:

  • Rationalisierungserfahrungen bzw. Rationalisierungsängste
  • (Angst vor) Arbeitslosigkeit sowie die Erfahrung mit Arbeitslosigkeitbzw. prekärer Beschäftigung Gerechtigkeitswahrnehmungen
  • Entgrenzung von Arbeit und Arbeitszeit
  • Leistungskontrolle und Leistungsdruck
  • Physische und psychische Belastungen
  • Herausforderung Digitalisierung
  • Soziale Verunsicherung
  • Einstellungen zum Sozialstaat

Literatur

  • AMS (2016): Banken – ein interessanter Arbeitsmarkt in einem herausfordernden Umfeld. In: http://www.forschungsnetzwerk.at/downloadpub/001_spezialthema_10-2016.pdf (20.05.2017).
  • Boes, Andreas / Kämpf, Tobias (2010): Zeitenwende im Büro: Angestelltenarbeit im Sog der Globalisierung. WSI Mitteilungen 12 (2010): 611-617.
  • Castel, Robert (2000): Die Metamorphosen der sozialen Frage: eine Chronik der Lohnarbeit. Konstanz: UVK, Universitätsverlag Konstanz GmbH.
  • Dörre, Klaus / Hänel, Anja / Holst, Hajo / Matuschek, Ingo (2013): Guter Betrieb, schlechte Gesellschaft. Arbeits- und Gesellschaftsbewusstsein im Prozess kapitalistischer Landnahme. In: Koppetsch, Cornelia (Hrsg.): Nachrichten aus den Innenwelten des Kapitalismus. Zur Transformation moderner Subjektivität. Wiesbaden: 21-49.
  • Flecker, Jörg / Hentges, Gudrun (2006): Auf der Suche nach den „Schuldigen“ (PDF, 03.07.2017). KOMPETENZ 1/2006: 18-19, (20.05.2017)).
  • Haipeter, Thomas (2016): Angestellte Revisited. Arbeit, Interessen und Herausforderungen für Interessenvertretungen. VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Heitmeyer, Wilhelm (2011): Deutsche Zustände. Das entsicherte Jahrzehnt. Presseinformation zur Präsentation der Langzeituntersuchung Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Bielefeld: Universität Bielefeld.
  • Kratzer, Nils / Menz, Wolfgang / Tullius, Knut / Wolf, Harald (2016): Beschäftigte wollen Gerechtigkeit und einen effizient geführten Betrieb. Ansprüche an Erwerbsarbeit und interessenpolitisches Mobilisierungspotenzial. HBS Policy Brief 2 (2016).
  • Sozialversicherung (2017): Statistische Daten aus der Sozialversicherung – Beschäftigte in Österreich – Jänner 2017. In: https://www.sozialversicherung.at/portal27/esvportal/content?contentid=10007.683681&viewmode=content (20.05.2017).
  • Talós, Emmerich (2006): Schwarz – Blau. Eine Bilanz des „Neu-Regierens“. In: Politik und Zeitgeschichte 3 (2006): 326-343.

Anmerkungen

[1] 15 Befragte gaben keine Branche an.

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