Was denken die Angestellten? (2/10)

Eine Befragung von Handels- und Bankenbeschäftigten zu Arbeitsbedingungen und gesellschaftlichen Entwicklungen

2. AUSWIRKUNGEN VON RATIONALISIERUNG AM ARBEITSPLATZ

Bild: GPA-djp, fotolia.com

Bernhard Ratz, Robert Zeitlinger

Veränderungen der Arbeitswelt bei Banken und Handel

Die Veränderungen der Arbeit und des Arbeitsumfeldes von Handels- und Bankangestellten, hervorgerufen durch Rationalisierungsmaßnahmen in Unternehmen dieser beiden Branchen, stehen im Fokus der hier vorgestellten Untersuchung. Als Erklärung für den Begriff Rationalisierung würden wir hier einerseits Optimierung von Betriebsabläufen, anderseits den vermehrten Einsatz von Maschinen und Geräten anführen. Auf beide Branchen bezogen kann das auch bedeuten, dass eine vermehrte Anwendung nachfolgend beschriebener technischer Innovationen stattfindet. Wir nehmen an, dass bedingt durch die stetige Zunahme von Online-Banking NutzerInnen im Bankenbereich und durch den wachsenden Anteil von Selbstbedienungskassen im Handel, welche heute auch Kundinnen und Kunden in die jeweiligen Arbeitsabläufe einbinden, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beider Branchen einschneidende Veränderungen ihrer Arbeitswelten empfinden oder befürchten.

Rationalisierung verursacht in beiden Branchen ansteigende Besorgnis bei älteren MitarbeiterInnen um den Arbeitsplatz

Da Rationalisierungsmaßnahmen heute vielfach auch über technologische Neuerungen vorangetrieben werden, gingen wir davon aus, dass mit zunehmendem Alter auch die Besorgnis vor dem Verlust des Arbeitsplatzes zunehmen wird.

Auf Basis von 823 beantworteten Fragebögen, wovon 523 gültige Fragebögen aus dem Bankensektor und 285 gültige aus dem Handelsbereich stammten, konnte zunächst festgestellt werden, dass ein Anstieg von Besorgnis, über beide Branchen gesehen, von der jüngsten gemessenen Altersgruppe der 15 bis 25-Jährigen bis zur Altersgruppe der über 55-Jährigen zu beobachten ist. Bemerkenswert scheint nun der Umstand zu sein, dass bereits junge Menschen zwischen 26 bis 35 Jahren hier den größten Anteil von Befragten aufweisen, welche sich bereits große Sorgen um ihren Arbeitsplatz machen müssen. Sehr große Sorgen um den Arbeitsplatz verspüren hingegen am häufigsten die Befragten in der Altersgruppe der 46 bis 54-Jährigen. Die Gruppe der über 55-Jährigen stellt, wie von uns erwartet, die in Summe größte Gruppe jener dar, welche derzeit vermehrt große und sehr große Sorgen um den Arbeitsplatz hat (Graphik 1).

Graphik 1: Besorgnis um den Verlust des Arbeitsplatzes nach Alter

Im Detail gibt es aber Unterschiede zwischen dem Handel und dem Banken-/Kreditsektor

Betrachtet man die gewonnenen Erkenntnisse getrennt nach Branchen im Detail weiter, sieht man bei Bankangestellten – wie erwartet – ein nahezu kontinuierlich ansteigendes Ausmaß an Besorgten entlang der befragten Altersgruppen. Sehr große Sorgen um den Arbeitsplatz macht sich die Altersgruppe der über 55-Jährigen. Dennoch ist die Gruppe von 15 bis 25 Jahren überraschenderweise hier bereits zu 50 Prozent mit großen Sorgen um den Arbeitsplatz belastet (Graphik 2). Es kann also der erwartete Anstieg an Besorgnis im Laufe der Zeit gezeigt werden, dennoch überrascht ein bereits in jungen Jahren hoher Anteil an Sorgen um den Arbeitsplatz bei Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Bankensektor. Als Erklärungen für diese Haltungen kann auf Auswirkungen der Finanzkrise 2007 in Verbindung mit der bekanntlich steigenden Rationalisierung durch Technologisierung hingewiesen werden. Einen detaillierteren Erklärungsansatz könnte der von uns gebildete Rationalisierungsindex bieten (Näheres siehe weiter unten).

Graphik 2: Besorgnis um den Verlust des Arbeitsplatzes nach Alter im Banken-/Kreditsektor

Bei Handelsangestellten verzeichnet man ebenfalls bereits bei 20% der befragten jungen Menschen zwischen 15 bis 25 Jahren sehr große Sorgen um den Arbeitsplatz. Die größte Anzahl an besorgten MitarbeiterInnen findet sich aber im Gegensatz zum Bankenbereich in der Altersgruppe zwischen 26 bis 35 Jahren (Graphik 3). In beiden beobachteten Branchen kann somit ein Anstieg von Besorgnis bei jungen bis älteren Personen gezeigt werden, dennoch überrascht die bereits als hoch empfundene Besorgnis bei jüngeren Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in beiden Branchen. Im Handel verspürt man die Auswirkungen von Filialschließungen (siehe z.B. Zielpunkt) und dadurch einen Verdrängungswettbewerb um weniger vorhandene Arbeitsplätze, wobei zusätzlich auch noch Rationalisierung und technische Änderungen (z.B. Selbstbedienungskassen) eine Rolle spielen. In der Auswirkung sind das ähnliche Effekte, wie wir sie schon im Bankenbereich feststellen konnten.

Graphik 3: Besorgnis um den Verlust des Arbeitsplatzes nach Alter im Handelssektor

Rationalisierungsindikatoren werden von MitarbeiterInnen beider Branchen unterschiedlich wahrgenommen

Die empfundenen Auswirkungen von Rationalisierungsmaßnahmen in Betrieben beider beobachteter Branchen wurden zunächst mit folgenden Fragen erhoben:

  • Bei uns in der Firma herrscht für die meisten Beschäftigten hoher Arbeitsdruck.
  • Mein Arbeitspensum ist oft so hoch, dass ich in meiner Freizeit keine Kraft und Energie mehr habe.
  • Es müssen mehr Aufgaben in kürzerer Zeit erledigt werden.
  • Wenn die Aufgaben nicht schnell genug erledigt werden, kommt es zu Problemen.

Die Ergebnisse dieser Fragen wurden zu einem „Rationalisierungsindex“ zusammengefasst, welcher uns dahingehend Aufschluss gibt, dass für im Bankensektor beschäftigte Personen scheinbar die Auswirkungen der Rationalisierung durch technische Neuerungen derzeit stärker merkbar sind als im Handelsbereich. Über 50 Prozent der Befragten im Bankensektor gaben an, dass sie die derzeit stattfindenden Rationalisierungsmaßnahmen im Unternehmen sehr stark wahrnehmen würden.

Der Bildungsgrad wirkt sich auf Wahrnehmung von Rationalisierung aus

Betrachtet man die Auswirkungen verspürter Rationalisierungsauswirkungen vertiefend nach Bildungsgrad, so sind Maturantinnen und Maturanten (58 Prozent) und AbsolventInnen berufsbildender mittlerer Schule und Lehre (48 Prozent) jene Gruppen im Bankenbereich, welche Umbrüche in der Arbeitswelt als sehr belastend wahrnehmen. Es kann sich hier um jene MitarbeiterInnengruppe mit Kundenkontakt handeln, welche derzeit von Filialschließungen sowie technischen Neuerungen besonders betroffen ist. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Handelssektor mit höheren Bildungsabschlüssen (Studium und Matura), verspüren aber ebenfalls starken Rationalisierungsdruck, welcher möglicherweise auf die vermehrte Konkurrenz der AbsolventInnen bei verantwortungsvolleren Leitungspositionen schließen lässt.

Die Rolle der IT-Weiterbildung bei Rationalisierungssorgen

Weiters untersuchten wir, ob die Sorgen und Ängste der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei fortschreitender technologischer Veränderung am Arbeitsplatz durch IT-Weiterbildungen reduziert werden kann.

Die Ergebnisse weisen nun darauf hin, dass IT-Weiterbildung eine beruhigende Wirkung eher bei jenen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern zeigt, welche bereits unter geringerer Sorge um ihren Arbeitsplatz leiden. Bei Gruppen mit vermehrten Sorgen und Ängsten vor Rationalisierung, scheint IT-Weiterbildung jedoch einen geringeren „Wappnungseffekt“ zu generieren.

Somit kann festgestellt werden, dass formale Bildungsabschlüsse und Weiterbildungen bzw. Schulungen in beiden Branchen scheinbar nicht jenen „Beruhigungseffekt“ bei MitarbeiterInnen erzielen können wie vielfach erwartet wird.

Unsere Untersuchung hat zusammenfassend gezeigt, dass auch ehemals sichere Bankarbeitsplätze bereits bei jungen Befragten wenig Vertrauen aufkommen lassen. Studienabschlüsse lassen auch im Handelssektor leider auch kein sorgenfreies Berufsleben mehr erwarten. Eine Anregung wäre es, wieder mehr Augenmerk auf die Schaffung von Arbeitsplätzen zu legen, aber auch eine Reduktion der Wochenarbeitszeit wäre als Gegenmaßnahme bei Rationalisierungsängsten im Sinne der Beschäftigten anzudenken.

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