Nach der Freistellung – beruflich-biografische Perspektiven von Betriebsratsmitgliedern

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Erhard Tietel/Simone Hocke: Nach der Freistellung. Beruflich-biografische Perspektiven von Betriebsratsmitgliedern.

Rezension von Doris Formann*

Das vorliegende Buch geht der Frage nach, was eigentlich aus ehemaligen Betriebsratsvorsitzenden bzw. freigestellten Mitgliedern von Interessenvertretungen wird, wenn sie aus dem Amt ausscheiden.

Erhard Tietel und Susanne Hocke schließen damit eine Lücke der Mitbestimmungsforschung:

  • Obgleich Betriebsräte bislang gut erforscht sind (mehr die deutschen als die österreichischen), wurde bislang nicht systematisch untersucht, wie sich die ursprünglichen Motive und Orientierungen, sich in den Betriebsrat wählen zu lassen, im Laufe der Zeit verändern, entwickeln, zu Veränderungswünschen und zu tatsächlichen beruflichen Veränderungen führen.
  • Die Vermutung der AutorInnen dazu liegt nahe, nämlich, dass der Betriebsrat bisher in erster Linie unter gesellschaftlichen, institutionellen und politischen Aspekten ins Blickfeld geriet und weniger als Person im Kontext persönlicher biografischer Aspekte.
  • Der unter anderem von Erhard Tietel schon in etlichen Studien erforschte und in Publikationen beschriebene Wandel der BetriebsrätInnenrolle und die betrieblichen Veränderungen seit den 1990er Jahren an sich: alle damit zusammenhängenden Entwicklungen führen auch zu einer Individualisierung von betriebsrätlichen Lebensläufen sowie zu einer Erosion der betriebsrätlich-gewerkschaftlichen Normalbiografie (S.33).

Nicht zuletzt für die Nachwuchsplanung, aber auch für die Nachhaltigkeit einer passgenauen, modernen und effizienten Interessenvertretungsarbeit in Zeiten volatiler Arbeits- und Gesellschaftsverhältnisse erscheint dieses systematische Hinschauen der AutorInnen auf die Frage „wie geht’s hinterm Horizont der betriebsrätlichen Freistellung weiter?“, hoch angesagt.

Als äußerst bemerkenswert und ergiebig für die Beantwortung des konkreten Forschungsinteresses –

  • Welche Gründe gibt es für den Ausstieg aus dem Betreibsratsamt?
  • Welche beruflichen Möglichkeiten haben ehemals Freigestellte nach dem Ehrenamt?
  • Wie wirkt sich die betriebsrätliche Sozialisation auf die Folgetätigkeiten aus? –

ist der Rückgriff auf das Konzept der Karriereanker nach Ed Schein, das eine Art „innerer Karriere“ bezeichnet. Es geht hierbei um bei sich selbst wahrgenommene Fähigkeiten, Werte und Motive, die karriereorientierte Entscheidungen organisieren und die mit der „äußeren Karriere“, also der faktischen Laufbahnentwicklung, in Einklang gebracht werden müssen.

Die Forschungsergebnisse (Basis: 50 Interviews mit freigestellten BetriebsrätInnen sowie mit 17 ExpertInnen aus Gewerkschaften und aus der freiberuflichen Beratungsszene) befördern sechs Karrierewege zutage, die beschrieben und mit Beispielen belegt sowie mit sehr eindrücklichen Originalzitaten aus den Interviews untermauert werden:

  • Karriereweg Arbeitsdirektor,
  • von der Betriebsratsspitze zu Führungskraft/Personalleitung,
  • Karriereweg Fachumstieg,
  • Rückkehr in den Beruf,
  • Karriereweg GewerkschaftssekretärIn,
  • Karriereweg Selbständigkeit in Bildung und Beratung.

Nicht immer ist die Entscheidung, auszusteigen, eine freiwillige. Eine nicht geglückte Wiederwahl, gesundheitliche Gründe, Veränderungen im Unternehmen oder Konflikte im Gremium werden als Gründe für den Ausstieg genannt.

Gut nachvollziehbar und verständlich beleuchten die AutorInnen die unterschiedlichen Aspekte der sechs Karrierewege. Sehr deutlich sichtbar wird über die Interviews auch die Vielfalt der Aufgaben und Qualifizierungen von freigestellten Betriebsräten.

„Es gibt nur wenige Berufe, die innerhalb so kurzer Zeit so nachhaltig qualifizieren wie eine professionell ausgeübte Interessenvertretung“ (S. 392)

Das Buch regt an, die Jahre in der betriebsrätlichen Freistellung nicht als Sackgasse zu sehen, sondern den Kompetenzzuwachs selbstbewusst wertzuschätzen und in der Folge den persönlichen Werdegang aktiv zu gestalten.

Erhard Tietel/Simone Hocke
Nach der Freistellung
Beruflich-biografische Perspektiven von Betriebsratsmitgliedern
Forschung aus der Hans-Böckler-Stiftung. Baden-Baden: Nomos
2015, 416 S., Broschiert,
ISBN 978-3-8487-2518-2

*) Dr.in Doris Formann ist Geschäftsführerin des Vereins für prophylaktische Gesundheitsarbeit (PGA) sowie Supervisorin in der ÖVS.

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